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Logbuch M214

Expedition M214 „FRINGE II“

Fluid-Rock Interaction at the backstop of the Mediterranean Ridge Accretionary Complex. Exploring the role of mud volcanism, salt tectonics and backthrust faulting in the Hellenic subduction zone

25. Oktober – 13. Dezember 2025

Las Palmas (Spanien) – Heraklion (Griechenland)

Fahrtleitung: Gerhard Bohrmann

Wie entstehen und verändern sich unterseeische Landschaften dort, wo Erdplatten aufeinandertreffen? Diese Frage steht im Mittelpunkt der Expedition FRINGE II, bei der das Forschungsschiff METEOR im Herbst den Hellenischen Bogen im östlichen Mittelmeer erkundet.

Das internationale Forschungsteam untersucht eine Region, in der die Afrikanische Platte unter die Eurasische Platte abtaucht – ein Gebiet, in dem besonders häufig Schlammvulkane auftreten. Schlammvulkane transportieren nicht nur Schlamm aus großer Tiefe zum Meeresboden, sondern auch Fluide und Gase. Die chemische Zusammensetzung sowie die physikalischen Kennzeichen geben den Forschenden Hinweise darauf, was in großer Tiefe der Erde geschieht und wie Stoffe und Wärme zwischen den Erdplatten zirkulieren.

Mit moderner Meerestechnik – darunter das autonome Unterwasserfahrzeug MARUM AUV SEAL5000 und der Tiefseeroboter ROV KIEL6000 – wollen die Forschenden diese geheimnisvollen Strukturen genauer unter die Lupe nehmen. Proben vom Meeresboden und Messungen des Wärmeflusses sollen helfen, die dynamischen Prozesse an der Grenze zwischen den Kontinenten besser zu verstehen.

Die Expedition ist Teil des Exzellenzclusters „Der Ozeanboden – unerforschte Schnittstelle der Erde“ am MARUM – Zentrum für Marine Umweltwissenschaften der Universität Bremen.

Abbildung zeigt Logo von M214

Weitere Informationen:

Abbildung zeigt das Forschungsschiff METEOR. Foto: MARUM – Zentrum für Marine Umweltwissenschaften, Universität Bremen; V. Diekamp

Das Forschungsschiff METEOR. Foto: MARUM – Zentrum für Marine Umweltwissenschaften, Universität Bremen; V. Diekamp

Abbildung zeigt

Untersuchungsgebiet der M214 Expedition südlich Kreta.

 

26. November: Erfolg und Hoffnung

Am späten Mittwochnachmittag brachte das Schwerelot den bislang erfolgreichsten Kern dieser Reise an die Wasseroberfläche. Fast sechs Meter sedimentierte Zeit, eine geschichtete Chronik mariner Prozesse: Lagen, die von Erdbeben berichten, von vulkanischer Erosion, von Strömungen, die Material über große Distanzen verfrachtet haben. Eingelagert findet sich ein beeindruckendes Spektrum an Farbübergängen – von Beige zu Grau, von Braun bis tiefem Schwarz.

Seit Tagen haben wir auf einen solchen Kern gewartet, und nun liegt er vor uns: dicht, voller potenzieller Daten, die noch entschlüsselt werden wollen. Wir staunen gemeinsam darüber, wie viele Geschichten hier eingeschrieben sind die sich durch die Analysen vielleicht ein klein wenig offenbaren werden. Diese Euphorie und Erleichterung zeigen mir auch, wie sehr unsere Erfolge auf See an zeitliche und materielle Bedingungen geknüpft sind. Ein Kern wie dieser erscheint plötzlich und vollständig, doch seine Gewinnung ist das Ergebnis unzähliger unsichtbarer Stunden: des Vorbereitens, Wartens, Auswählens, Justierens.

Sheer Stress, Porenwasser, physikalische und chemische Geheimnisse werden aufgedeckt. Foto: Anthea Oestreicher

Sheer Stress, Porenwasser, physikalische und chemische Geheimnisse werden aufgedeckt. Foto: Anthea Oestreicher

Es sind nicht nur die Dinge, die aus der Tiefe auftauchen und die wir nicht erwartet, manchmal nicht einmal erhofft hatten. Es sind nicht nur die Momente, in denen Maschinen ausfallen oder das Wetter sich gegen die Messungen stellt. Selbst wenn alles nach Plan verläuft, bleibt Forschung ein langsamer, zäher, geduldiger Prozess: zwölf Stunden für eine Wärmeflussreihe mit vierzehn Punkten; zehn Stunden für einen kurzen AUV-Tauchgang; ein Arbeitstag, der allenfalls Raum für wenige Multicorer und zwei Schwerelote lässt.

Der letzte Multicorer kommt zurück an Bord. Foto: Anthea Oestreicher

Der letzte Multicorer kommt zurück an Bord. Foto: Anthea Oestreicher

Das letzte Mal AUV und der Fahrtleiter überblickt alles. Foto: Anthea Oestreicher

Das letzte Mal AUV und der Fahrtleiter überblickt alles. Foto: Anthea Oestreicher

 

Diese Dauer hängt nicht an den Menschen – nicht an der Crew, nicht an den Forschenden. Sie liegt in der Größe des Meeres, in der Komplexität seiner Schichten und vor allem in den Schnittstellen: zwischen Mensch und Maschine, zwischen Wasser und Instrument, zwischen chemischen Gradienten, biologischen Prozessen und atmosphärischen Bedingungen und dem noch unbekannten Boden unter der großen Wassersäule.

 
Ungewohnte Leere im Geolab. Die Fahrt nähert sich dem Ende. Foto: Anthea Oestreicher

Ungewohnte Leere im Geolab. Die Fahrt nähert sich dem Ende. Foto: Anthea Oestreicher

Doch erneut: nach diesem Aufklaren der Stimmung ändert sich das Leben an Bord erneut. In der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag nehmen wir ein schwarzes Schlauchboot auf. Fünfunddreißig Menschen, die wir lebend, unverletzt und sichtlich erschöpft an Bord bringen – und sicher ans Festland übergeben. Nach einigen Stunden der Fürsorge durch die Besatzung, die Köche und die Ärztin kehren wir um, zurück in unsere Messlinien, zurück in unseren Arbeitsrhythmus. Und doch kann niemand von uns dorthin zurückkehren, wo wir zuvor waren. Die Gedanken bleiben: Woher sind sie gekommen? Was haben sie erlebt? Und was wird ihnen bevorstehen?

Wir konnten ihnen Sicherheit geben – für diesen Moment. Aber die unsichtbare Zeit, die sie hinter sich haben, und jene, die ihnen bevorsteht, begleitet uns weiter über das Deck, durch die Gänge. Und davon nicht genug: einen Tag später verlässt das Schiff erneut seinen Kurs. Wieder wechseln wir vom Forschungsmodus in SAR (Search and Rescue)-Wachpläne, und doch ist nichts Routine.

Das Wetter ist ideal: ruhige See, klare Sicht, milde Temperaturen. Genau jene Bedingungen, in denen Menschen versuchen, Länder zu verlassen, die ihnen keine Zukunft lassen. Während wir suchen, wird uns immer bewusster, auf welcher Route wir uns bewegen. Diese Ereignisse rücken auch die Forschung selbst in ein anderes Licht. Denn während wir an Deck mit unmittelbarer menschlicher Verletzlichkeit konfrontiert sind, arbeiten wir zugleich an Prozessen, die tief in geologischen Zeiträumen verankert sind.

Gerade die Meeresforschung ist langsam, vielschichtig, störanfällig und voller Unschärfen – und genau deshalb so faszinierend. Doch in diesen Tagen tritt ein zweites Verständnis hinzu: dass Wissen selbst ein Atemzug ist, etwas Flüchtiges, Situiertes. Und dass unsere Arbeit im Meer immer auch inmitten anderer Realitäten stattfindet – Realitäten, in denen Zeit und Atem eine existenzielle Bedeutung haben.

Das Boot, das wir suchten, wurde schließlich von einem anderen Schiff aufgenommen und wir beendeten unsere Aktion mit dieser Gewissheit. Gleichzeitig machte diese Entlastung eines klar: Wir würden das Arbeitsgebiet verlassen und bereits einen Tag früher als geplant Kurs auf Heraklion aufnehmen.

 

Im Hafen geht alles schnell. Viele WissenschaftlerInnen und auch einige der Besatzung – auch ich –verlassen das Schiff und neue Teams kommen an Bord. Das AUV macht Platz für das ROV, das künftig nicht autonom in der Tiefe kreisen, sondern verkabelt vom Schiff ausgeführt werden würde. Eine neue Etappe, die kartierten Bereiche noch viel tiefer zu betrachten.

Für mich endete hier meine erste Ausfahrt. Die Rückkehr beginnt: zurück in die Realität an Land, in die städtischen Rhythmen, zurück in ein Leben, in dem das Meer schnell wieder zu einer abstrakten Fläche wird. Ich nehme viel mit – nicht nur fachliches Wissen, nicht nur diesen Webblog, sondern viele Stunden Videomaterial, die hoffentlich bald eine andere visuelle Form dieser Reise erzählen werden.

Zu Fuss zurück an Land: Gute Fahrt noch, Meteor! Foto: Anthea Oestreicher

Zu Fuss zurück an Land: Gute Fahrt noch, Meteor! Foto: Anthea Oestreicher

 

Vieles hätte für einen ersten Einsatz auf See kaum besser sein können: das Wetter, die Stimmung, die beeindruckende Professionalität der Teams, der routinierte Umgang mit Instrumenten, und das unglaubliche Wissen aller Menschen an Bord. Und ebenso prägend: jene andere Ebene, die sich auftut, sobald Wissenschaft im Ozean stattfindet – die Unvorhersehbarkeit, die sich mitten in technische Abläufe einschreibt.

Eingebettet in mein eigenes Projekt Interfacing the Ocean (www.ocean.zhdk.ch und antheaoestreicher.com, sowie auf Instagram: antheaoe) haben sich in diesen Tagen unzählige neue Fragestellungen eröffnet, die in unterschiedlichen Formen bald ihren Weg nach außen finden werden.

Bevor ich mich hier verabschiede, möchte ich den Raum nutzen um Danke zu sagen. Danke, an Gerhard Bohrmann, der mir die Möglichkeit eröffnet hat, an dieser Ausfahrt teilzunehmen und nicht nur wissenschaftlicher, sondern auch künstlerischer Forschung an Bord Raum zu geben.

Ebenso danke ich der gesamten wissenschaftlichen Besatzung und der Crew. Sie haben eine Atmosphäre geschaffen, die von Warmherzigkeit, Professionalität und gegenseitiger Unterstützung geprägt war. Sie machen die Meteor 3 zu jener alten Lady, die sie für so viele darstellt: ein Ort der Sicherheit, der Erfahrung und des kollektiven Handelns. Ich wünsche allen an Bord alles Gute – und der blauen Meteor, die sich auf ihre letzten Tage hinaus in den Ozean begibt, wünsche ich viele weitere schöne, würdige Momente auf See.

So bunt die Farben sind, so unterschiedlich sind die Ablagerungen des Sedimentkernes.

So bunt die Farben sind, so unterschiedlich sind die Ablagerungen des Sedimentkernes.

 

Text: Anthea Oestreicher

 

21. November: Situiertes Wissen

Nahezu 6 Meter unglaubliche Diversität. Foto: Anthea Oestreicher

Nahezu 6 Meter unglaubliche Diversität. Foto: Anthea Oestreicher

Im ersten Beitrag dieses Blogs habe ich es bereits geschrieben: Ich bin keine Geowissenschaftlerin. Ich habe weder Gesteinsprozesse studiert, noch die physikalischen oder chemischen Zusammensetzungen der Erdschichten. Und nach meinen ersten Wochen an Bord, plötzlich mitten im Forschungsbetrieb dieser Welt, staune ich wie sich Zusammenhänge erst öffnen, wenn man im Gelände ist – oder besser gesagt: auf dem Meer.

Hier beginne ich zu begreifen, warum bestimmte Daten entscheidend sind. Ich begreife, was es bedeutet, wenn wir zwölf Stunden lang mit der Wärmelanze nur wenige, aber präzise Datenpunkte gewinnen. Ich begreife, wie wichtig es ist, die Temperaturen in sechs Metern Sedimenttiefe zu messen – und wie viel eine einzige Wärmeleitfähigkeit darüber verrät, welche Gesteine dort unten liegen, welche chemischen Prozesse ablaufen und welche unerwarteten Materialien im Untergrund verborgen sind.

 
Probegläser für Gase, Porosität, Salinität und mehr. Foto: Anthea Oestreicher

Probegläser für Gase, Porosität, Salinität und mehr. Foto: Anthea Oestreicher

Jede Sekunde zählt nach dem Öffnen des Kerns um alle Daten zu bekommen. Foto: Anthea Oestreicher

Jede Sekunde zählt nach dem Öffnen des Kerns um alle Daten zu bekommen. Foto: Anthea Oestreicher

 
 
Konzentriertes Warten auf den Einsatz. Foto: Anthea Oestreicher

Konzentriertes Warten auf den Einsatz. Foto: Anthea Oestreicher

Und ich verstehe, wie man beginnt die Sprache der Daten zu lesen:
was es bedeutet, wenn das tiefe Dunkelblau der Wassersäule in den bathymetrischen Karten von helleren Blautönen durchzogen wird. Dass diese feinen Schlieren anzeigen, wo Gasblasen aus dem Meeresboden aufsteigen. Wie eine Kurve des Seilzuges aussehen sollte, damit das Schwerelot einen vollen Kern nach oben bringt.

Ich begreife, wie aufregend es ist, wenn der Liner eines Kernes geöffnet wird und der eingesperrte Schwefelgeruch in den Raum strömt. Ich rieche ihn inzwischen sogar von anderen Stellen an Deck und weiß über mehrere Meter hinweg, dass gerade wieder ein Kern geöffnet wurde.

Und stetig verstehe ich immer mehr warum. Warum man Schlammvulkane erforscht – diese Orte, an denen sich Bewegungen bündeln, an denen Veränderungen mit Erdbeben einhergehen können. Orte, an denen die Erde ihre eigene Geschichte weiterschreibt. Warum wir mit dem AUV versuchen diese Übergänge sichtbar zu machen: die Schnittstellen an denen Erdkruste auf Wassersäule trifft.

Und damit wird die abstrakte Theorie von Subduktionsrändern, von Punkten, an dem tektonische Platten übereinander gleiten auch für mich physische Realität unter mir.

Wie schon an einigen Tagen dieser Reise sind wir heute wieder am Gelendzhik-Schlammvulkan, einem der zentralen Objekte dieser Reise.

Jedoch ist Gelendzhik nicht nur ein einzelner Schlammvulkan, sondern ein Feld aus mehreren Schloten. Ein Ensemble von Öffnungen, Prozessen, Geschichten.

 
Die Wärmelanze verlässt die Tiefe nach einer Nacht voll intensiven Messens. Foto: Anthea Oestreicher

Die Wärmelanze verlässt die Tiefe nach einer Nacht voll intensiven Messens. Foto: Anthea Oestreicher

Wolken zwischen Tiefsee und Atmosphäre. Foto: Anthea Oestreicher

Wolken zwischen Tiefsee und Atmosphäre. Foto: Anthea Oestreicher

 
 

Es ist kein Ort, den man einmal kartiert und versteht, einige Kerne bekommt und die Schichten analysieren kann. Er ist in einem Prozess. Vielleicht liegt genau darin die Anziehung dieses Ortes diesem geologischen Geschehen zuhören, das weit älter, langsamer und zugleich impulsiver ist als jedes menschliche Zeitmaß. Er ist eine einzige Schnittstelle mit Unbekannten: die Wärmstromdaten, die Porenwasserproben, die Salinitäten sind besonders.

Prozessieren der AUV-Aufnahmen ist Detailarbeit. Foto: Anthea Oestreicher

Prozessieren der AUV-Aufnahmen ist Detailarbeit. Foto: Anthea Oestreicher

Viele Geheimnisse werden sich uns vielleicht noch offenbaren auf dieser Reise, aber Sicher werden viele bleiben. Vielleicht fehlen uns die geeigneten Schnittstellen.

Was aus dem Meeresboden aufsteigt – Wärme, Gase, Strukturen, Daten – ist eine Sprache, die wir erst lernen müssen. Und vielleicht ist genau das der Kern dieser Reise: ein langsames, beharrliches Übersetzen.

 

Text: Anthea Oestreicher

 

19. November: Subduktion auf See - oder Bathymetrie trifft Bergfest

Manchmal fühlt sich der Morgen an wie eine Wiederholungsschleife: Kaum hat das AUV das Wasser verlassen, folgt schon das Schwerelot, dann der Multicorer, später die CTD. Dazwischen zeichnet das Multibeam-System unermüdlich die Topographie unter uns nach, während die Wärmelanze im immer gleichen Rhythmus in die Tiefe sinkt. Die Abläufe werden vertrauter, präziser, beinahe choreografiert.

Und doch birgt jeder Einsatz einen Moment des Unvorhersehbaren: Wie viele Meter Sediment finden wir heute im Schwerelot? Kommt es diesmal als sauberer Zylinder oder als gebogene „Banane“ an Bord? Welche Strukturen hat dasSEALaufgezeichnet, die wir im Datenstrom zuvor nicht ahnten? Unter all der Routine bleibt der Ozean derjenige, der bestimmt, was er preisgibt – und was nicht.

Was sich dagegen kaum verändert: der Himmel. Seit Tagen beschert er uns Sonnenschein, fast unverschämt konstant. Nur gelegentlich ziehen dünne Wolkenfelder vorbei, als wollten sie prüfen, ob wir ihre Anwesenheit bemerken. Am Samstagnachmittag jedoch, bei zwei Metern Wellenhöhe, bekam man für einen Moment das Gefühl, tatsächlich auf See und nicht auf einer schwimmenden Plattform der Stabilität zu sein.

 
Bergfest auf See. Foto: Anthea Oestreicher

Bergfest auf See. Foto: Anthea Oestreicher

Wie so oft fährt Meteor mit uns gen wolkenlosen Sonnenuntergang. Foto: Anthea Oestreicher

Wie so oft fährt Meteor mit uns gen wolkenlosen Sonnenuntergang. Foto: Anthea Oestreicher

 

Frank, unser Meteorologe liefert Hochdruckgebiete in Folge, sein Vorhersagefenster enttäuschte bisher nicht. Wenn das Land weit genug entfernt ist, kann er nach dem Mittag den Wetterballon steigen lassen. Während das Schiff seine Geräusche beibehält, erhebt sich der Ballon lautlos, trägt Sensoren durch die unteren Atmosphärenschichten und sendet Daten zurück. In diesen Minuten richtet sich der Blick nicht in die Tiefe, sondern nach und zugleich liefern die Daten Kontext für die Prozesse am Meeresboden.

Begegnung an Deck. Foto: Anthea Oestreicher

Begegnung an Deck. Foto: Anthea Oestreicher

Abseits der Forschung, die selbst ohne Schichtsystem bis weit in die Nacht weiterläuft, brachte das Wochenende eine besondere soziale Dichte. Zwei Geburtstage wurden gefeiert, und am Sonntag stand das Bergfest an – die symbolische Halbzeit der Fahrt. Der Kran, der sonst Geräte ins Wasser setzt, trug diesmal eine Lichterkette. Die Instrumente wurden sorgfältig verstaut, damit die Köche an Deck den Grill aufbauen konnten.

Bald herrschte ausgelassene Stimmung. Sogar im Schichtbetrieb wurde dafür gesorgt, dass jede und jeder wenigstens für einen Moment an Deck sein konnte. Vielleicht zu keinem anderen Zeitpunkt trifft man hier so viele Menschen gleichzeitig – eine seltene Verdichtung von Gemeinschaft auf eigentlich begrenztem Raum.

Nach dem Essen dann ein weiterer Höhepunkt: Der Kapitän, ein exzellenter Sänger, stimmte ein unerwartet langes Live Set an. Für eine Stunde oder zwei rückten Proben, Sensoren, Profile und Daten in den Hintergrund. Die Feier blieb ein ruhiges, warmes Zusammensitzen zwischen Arbeitsplattform, Forschungsschiff, Gemeinschaftsort.

Boot bereit für das Einholen des AUVs. Foto: Anthea Oestreicher

Boot bereit für das Einholen des AUVs. Foto: Anthea Oestreicher

Probennahmen bis spät in die Nacht. Foto: Anthea Oestreicher

Probennahmen bis spät in die Nacht. Foto: Anthea Oestreicher

Und vor jedem Einsatz wird nochmal alles dreifach geprüft. Im Wasser muss alles sitzen. Foto: Anthea Oestreicher

Und vor jedem Einsatz wird nochmal alles dreifach geprüft. Im Wasser muss alles sitzen. Foto: Anthea Oestreicher

 

Text: Anthea Oestreicher

 

14. November: Schichten und Realität

Die Hälfte des Fahrtabschnitts ist bereits vergangen. Heute liegen die ersten Kernröhren vor uns. Ihre Bergung war nicht immer ganz einfach. Das Schwerelot erreichte zwar den Meeresboden, doch die Kerne kamen nicht immer gerade an die Oberfläche, sondern gekrümmt – wie gebogene Bananen. Aber auch das ist Forschung im noch Unbekannten.

Nicht alles läuft nach Plan. Es ist die Wahrheit jeder Forschung, dass Wissen nicht linear entsteht, sondern sich in Umwegen, Brüchen und durch Widerstände formt. Und gerade daher tragen auch diese schiefen, gebogenen Kerne Erkenntnisse in sich – Geschichten aus der Tiefe.

Auf den Holzböcken im Geolabor liegen sie wie Archivrollen einer anderen Zeit. Jeder Kern enthält ein Fragment: eine Erzählung aus Sediment, Gas und vergangenem Klima. Nach dem Aufschneiden der Röhren steigt der Geruch der Tiefsee auf – eine Mischung aus Schwefel, Salz und feuchter Erde. Das Labor erwacht. Um die Proben herum entsteht ein konzentriertes Treiben: Körnung, Porosität, Struktur, Geruch – alles wird gemessen, dokumentiert, gescannt und schließlich archiviert.

Diese Proben sind unser Einblick in die Geschichte und Gegenwart der Schlammvulkane. Zwischen Wissen im Zentrum globaler Klimaprozesse und Erzählung eingeschlossener Zeiten, von Nachrichten, die sich erst durch unsere Beobachtung entriegeln lassen.

Abbildung zeigt Das Öffnen des ersten Kerns unserer Reise. Foto: Anthea Oestreicher

Das Öffnen des ersten Kerns unserer Reise. Foto: Anthea Oestreicher

Abbildung zeigt Beprobungen unter höchster Konzentration. Foto: Anthea Oestreicher

Beprobungen unter höchster Konzentration. Foto: Anthea Oestreicher

Abbildung zeigt Flare im Schiffskegel der Wassersäule markiert eine Gasaustrittsstelle am Meeresboden.

Flare im Schiffskegel der Wassersäule markiert eine Gasaustrittsstelle am Meeresboden.

Während die Geolog:innen mit den Proben arbeiten, wertet das Team der Hydroakustik die Daten der letzten Mission des AUVs aus. Zwischen den Pings der Multibeam-Aufnahmen finden wir die ersten «flares» – feine, senkrechte Strukturen in der Wassersäule, die sich wie Kerzenflammen aus der Tiefe über den Meeresboden emporziehen. Dort, wo das Sediment porös wird und Fluide sowie Gase ihren Weg nach oben finden, entstehen diese Signale. Mit ihnen verfeinert sich das Bild der Landschaft unter uns: Nicht nur ihre Topografie wird sichtbar, sondern auch ihre Dynamik.

In unterschiedlichen Formen macht die Arbeit hier den Grund des Ozeans lesbar – und lässt für mich die Grenzen zwischen Menschen und Maschine, Oberfläche und Tiefe, Wahrnehmung und Messung verschwimmen. Zwischen Karten, Messdaten und Beobachtungen entstehen Verbindungen. Ich beginne zu begreifen, dass Ozeanforschung bedeutet, immer wieder dieselbe Frage zu stellen:
Wie erforschen wir Orte, die wir nie betreten können? Und wie gewinnen wir Wissen, das sich zugleich unseren Messungen entzieht?

Denn auch der gebogene Kern, der Wärmesensor, der (noch) nicht ganz verständliche Daten liefert, und die Störungen, die uns aus der Tiefe begegnen – sie zeigen: Wissen bedeutet, zu erkennen was wir nicht wissen, was wir (noch) nicht verstehen.

Und inmitten in dieser Reise tritt eine zweite Realität hervor. Am Mittwochnachmittag stoppen wir die Maschinen. Das Anhalten ist kein Störmoment – es ist ein Moment der Wirklichkeit. Wir alle wissen genau, wo wir uns befinden und forschen: Das Mittelmeer ist nicht nur Forschungsfeld, sondern auch eine der zentralen Routen für Menschen, die aus Afrika nach Europa flüchten. Das Meer ist Lebensraum, Archiv, Transitstrecke – und es kann Gefahr bedeuten. Heute konfrontiert es uns mit dem eigentlichen Unvorstellbaren. In diesen Stunden wird wissenschaftliche Praxis zu Verantwortung werden wir von der Küstenwache auf Kreta in die Suche nach gekenterten Menschen eingebunden.

Die Arbeit mit den Instrumenten verschiebt sich. Die Stimmung an Bord verändert sich – wird stiller, nachdenklicher. Abwechselnd stehen wir auf Deck, Ferngläser in der Hand, den Blick über die Wellen gerichtet. In der Hoffnung, da zu sein und helfen zu können.

Nach zehn Stunden des Wachens werden wir durch ein anderes Schiff abgelöst. Wir kehren zu unserer Route zurück. Die Forschung geht weiter.

Doch etwas bleibt. Die Karten, die wir zeichnen, sind nicht nur Abbildungen des Meeresbodens, sondern auch Spuren menschlicher Bewegungen, Eingriffe, Erwartungen. In den Sedimenten, die wir bergen, steckt nicht nur die Geschichte des Meeresbodens, sondern auch die Gegenwart der Welt darüber.

Unsere Arbeit versucht, diese Schichten voneinander zu lösen: das Messbare vom Unfassbaren. Und doch lassen sie sich nie ganz trennen. Und wir wissen nicht, was woanders geschieht, während wir hier den nächsten Multicorer zu Wasser lassen.

Abbildung zeigt Nicht nur die Wissenschaft mag die METEOR gerne und trägt ihren Namen auf Shirts und Sweatern. Foto: Anthea Oestreicher

Nicht nur die Wissenschaft mag die METEOR gerne und trägt ihren Namen auf Shirts und Sweatern. Foto: Anthea Oestreicher

Abbildung zeigt Zwischenmomente der Stille beim Blick in die Ferne. Foto:  Anthea Oestreicher

Zwischenmomente der Stille beim Blick in die Ferne. Foto:  Anthea Oestreicher

Abbildung zeigt Aufgetaucht und festgemacht. MARUM-SEAL und unser Schlauchboot treffen sich wieder. Foto: Anthea Oestreicher

Aufgetaucht und festgemacht. MARUM-SEAL und unser Schlauchboot treffen sich wieder. Foto: Anthea Oestreicher

Abbildung zeigt Im schönsten Morgenlicht ist unser Boot auf dem Weg das AUV (Aunonomous Underwater vehicle) nach erfolgreichem Tauchgang wieder einzuholen. Foto: Anthea Oestreicher

Im schönsten Morgenlicht ist unser Boot auf dem Weg das AUV (Aunonomous Underwater vehicle) nach erfolgreichem Tauchgang wieder einzuholen. Foto: Anthea Oestreicher

Text: Anthea Oestreicher

 

11. November: Endlich angekommen

Das AUV auf dem Weg ins Wasser – jetzt sind wir wirklich da. Foto: Elmar Schreiber

Das AUV auf dem Weg ins Wasser – jetzt sind wir wirklich da. Foto: Elmar Schreiber

Am Nachmittag des 8. November haben wir unser Arbeitsgebiet südlich von Kreta erreicht. In der Nähe des Schlammvulkans Gelendzhik setzten wir die CTD-Rosette ins Wasser, um die physikalischen und chemischen Bedingungen – insbesondere in Bodennähe – zu bestimmen. Gegen 18 Uhr erreichte die CTD wieder die Oberfläche, und unmittelbar danach begannen die ersten Multibeam- und Parasound-Aufnahmen.

Die ganze Nacht über fuhren wir in einem langen Zickzackkurs hin und her, um am frühen Morgen gegen sechs Uhr wieder am Ausgangspunkt anzukommen. Dabei reduzierten wir die Geschwindigkeit auf etwa fünf Knoten. Ein ruhiger Rhythmus, der nicht nur den Parasound-Messungen dient, sondern auch erlaubt, auf dem Deck zu sitzen und den Mond zu beobachten, wie er langsam von Backbord nach Steuerbord und wieder zurückwanderte. Die Sterne leuchten hell in der klaren Nacht. Ein stiller, schöner Moment, um den Abend ausklingen zu lassen.

Doch die Nacht ist kurz, denn bereits um sechs Uhr morgens beginnen die Vorbereitungen für den ersten Einsatz des AUV MARUM-SEAL. Um sieben Uhr wird das autonome Unterwasserfahrzeug schließlich zu Wasser gelassen. Wie eine Arbeitskraft, die gerade aus dem Urlaub zurückkehrt, muss sich auch das SEAL zunächst an die örtlichen Bedingungen gewöhnen. Es wird daher nicht sofort allein gelassen, sondern von einem Team, bestehend aus einem Crewmitglied und einem AUV Ingenieur, in einem Schlauchboot begleitet. Erst in kurzer Distanz beginnt das SEAL seinen Tauchgang in die Tiefe.

Abbildung zeigt Ganz analog und voller Begeisterung. Die ersten Proben der Tiefe werden begutachtet. Foto: Elmar Schreiber

Ganz analog und voller Begeisterung. Die ersten Proben der Tiefe werden begutachtet. Foto: Elmar Schreiber

Doch schon nach kurzer Zeit erscheint eine Fehlermeldung. Ohne genau zu wissen, woran es liegt, muss das SEAL wieder an die Oberfläche, um mögliche Ursachen zu prüfen. Glücklicherweise kann das AUV nach nur kurzer Zeit an der Oberfläche erneut abtauchen und seine Mission fortsetzen.

Die letzten Handgriffe an der Wärmelanze bevor sie in die Tiefe taucht. Foto: Anthea Oestreicher

Die letzten Handgriffe an der Wärmelanze bevor sie in die Tiefe taucht. Foto: Anthea Oestreicher

AUV oder auch Robbe gesichtet?! Anblicke zwischen Maschine und Meer. Foto: Anthea Oestreicher

AUV oder auch Robbe gesichtet?! Anblicke zwischen Maschine und Meer. Foto: Anthea Oestreicher

Aufgrund der verkürzten Einsatzzeit ist die kartierte Strecke am Meeresboden etwas kürzer als geplant. Dennoch kehrt das SEAL planmäßig um 16:30 Uhr an Bord zurück – und der Zeitplan kann eingehalten werden. Um 18:00 Uhr taucht die Wärmelanze in die Tiefe. Bis am nächsten Morgen um 6 bleibt sie im Einsatz und misst an vierzehn verschiedenen Punkten rund um den Schlot des Gelendzhik-Vulkans. Die gewonnenen Temperaturprofile geben Aufschluss über die Wärmeverteilung und die Aktivität des Schlammvulkans – Daten, die entscheidend für das Verständnis der aufsteigenden Fluide und Gase sind.

Mit diesen Informationen kann am Montagmorgen das nächste Instrument folgen: Ab 8:00 Uhr werden Multicorer und Schwerelot vorbereitet, unsere ersten Sedimentproben aus über 2000m Tiefe zu bergen. Der Einsatz des Multicorers verläuft reibungslos, doch das erste Schwerelot bringt, wie es umgangssprachlich genannt wird, eine Banane an die Oberfläche. Nach ca. 3m ist das Rohr abgeknickt und steht schräg zur Seite, sodass keine 6m Sediment zu bergen sind. Dennoch fahren wir zum nächsten Punkt, doch auch hier haben wir mit dem Schwerelot zuerst nicht viel Glück: die Probe ist kaum gefüllt. Aber auch das Schwerelot darf seine Eingewöhnungsphase haben und wir sind guter Dinge, dass der nächste Tag bessere Ergebnisse bringen wird.

Auch der Multicorer ist bereit für die Reise an den Meeresboden. Eine der Maschinen die für uns das Ungreifbare greifbar machen können. Foto: Anthea Oestreicher

Auch der Multicorer ist bereit für die Reise an den Meeresboden. Eine der Maschinen die für uns das Ungreifbare greifbar machen können. Foto: Anthea Oestreicher

Die ersten Proben aus über 2000m tiefe sind an Bord. Spuren der unsichtbaren Welt unter uns und die ersten Auskünfte über planetare Vergangenheiten. Foto: Anthea Oestreicher

Die ersten Proben aus über 2000 Meter Tiefe sind an Bord. Spuren der unsichtbaren Welt unter uns und die ersten Auskünfte über planetare Vergangenheiten. Foto: Anthea Oestreicher

Innerhalb von nur zwei Tagen laufen hier bereits Messungen mit unterschiedlichsten Geräten, und alle an Bord sind gleichermaßen eingebunden. Die Crew stellt nun von einem normalen Tagesrhythmus auf ein Schichtsystem um, damit rund um die Uhr, 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, gearbeitet werden kann.

Man spürt, wie sich das Leben an Bord verändert: Es gibt Momente, in denen man auf den Gängen kaum einer Menschenseele begegnet. Viele sind im Dienst, andere schlafen. Die Wege kreuzen sich seltener, doch die Stimmung bleibt ruhig und harmonisch. Und wie könnte es auch anders sein bei 24 Grad und strahlendem Sonnenschein über einem endlos blauen Meer?

Grüße in den hoffentlich nicht allzu grauen Herbst,

Anthea

Text: Anthea Oestreicher

 

6. November: Zwischen Málaga und Kreta

Guten Morgen vom Meer. Heute ist der 7. November, und wir befinden uns auf halber Strecke zwischen dem Hafen von Málaga und unserem Zielgebiet südlich von Kreta. Das Meer liegt seit Tagen ruhig da; das tiefe Blau wird nur selten von weißen Schaumkronen durchzogen. Die Sonne scheint täglich über das Arbeitsdeck, kurze Hosen sind längst Standard. Und nachts öffnet sich ein klarer Himmel, in dem heute ein voller Mond das Meer in silbriges Licht taucht, eine (fast zu) perfekte Szenerie für unsere Vorbereitungen.

An Deck herrscht konzentriertes Gewusel. Die Crew nutzt die Überfahrt für Wartungsarbeiten, Sicherheitstests und technische Abstimmungen. Alles wird vorbereitet, damit die Forschung beginnen kann, sobald wir unser Arbeitsgebiet erreichen.

Doch was genau wird hier erforscht – und wer schreibt diese Zeilen?

Ich bin Anthea Oestreicher, Künstlerin und Designforscherin. Im Alltag schreibe ich an meiner Dissertation im Fach Interaction Design an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK). Ich untersuche darin, wie Methoden aus Wissenschaft und Kunst sich gegenseitig befragen, überlagern und zu neuen Formen des Verstehens führen können. Mich interessiert insbesondere, wie sich an Bord eines Forschungsschiffs, diesem hochorganisierten, technisch regulierten Mikrokosmos, neue Formen der Wahrnehmung und des Dialogs mit der marinen Welt eröffnen lassen. Wie lässt sich Aufmerksamkeit für das Unsichtbare und Ungreifbare unter der Wasseroberfläche schaffen?

Abbildung zeigt das Forschungsschiff METEOR.

Das Forschungsschiff METEOR. Foto: Anthea Oestreicher

Während einer Residenz im Rahmen der UN-Ozeandedekade lernte ich Gerhard Bohrmann, unseren Expeditionsleiter, kennen. Er leitet das Projekt FRINGE II, um das es in dieser Expedition geht.

FRINGE II ist Teil eines groß angelegten Forschungsprogramms zur Untersuchung sogenannter Fluid-Austrittszonen am Meeresboden. In diesen „Fringes“ zwischen stabilen und aktiven Zonen treten Schlamm, Gase und mineralreiche Flüssigkeiten aus der Tiefe aus. Sie bilden Schlammvulkane und Methanquellen, in denen geologische und mikrobiologische Prozesse eng miteinander verflochten sind.

Solche Austrittszonen spielen eine wichtige Rolle im globalen Kohlenstoffkreislauf und in der Dynamik des Ozeans: Sie können Methan freisetzen, teils mikrobiell erzeugt, teils geologisch gespeist, und beeinflussen dadurch sowohl das marine Ökosystem als auch das Klima. Die Erforschung dieser Prozesse hilft, die „Atembewegungen“ der Erde besser zu verstehen – den Austausch von Energie, Gasen und Materie zwischen Tiefe und Oberfläche.

Abbildung zeigt Arbeiten an den ozeanographischen Messgeräten. Foto: Anthea Oestreicher

Arbeiten an den ozeanographischen Messgeräten. Foto: Anthea Oestreicher

Wir befinden uns nun auf dem zweiten Abschnitt dieser Expedition, Leg 2, und arbeiten mit einer Reihe von Messgeräten: dem Multibeam, der CTD, dem Schwerelot, dem Multicorer, einer Wärmelanze sowie dem autonomen Unterwasserfahrzeug AUV MARUM-Seal.

Für mich, die zum ersten Mal an einer ozeanographischen Mission teilnimmt, sind diese Instrumente nicht nur Werkzeuge, sondern auch Schnittstellen – Orte, an denen sich Messung, Interpretation und Imagination berühren.

Das Multibeam sendet Schallwellen aus, um den Meeresboden zu kartieren. Daraus entsteht ein dreidimensionales Abbild der Topografie sowie eine Rückstreu-Karte, die Aufschluss darüber gibt, ob unter uns weiches Sediment oder harter Fels liegt. Während der ersten FRINGE-Expedition wurde damit bereits eine Karte des Gebiets um die Schlammvulkane im Olimpi Feld erstellt – eines unserer Hauptinteressensfelder auch dieses Mal.

Die CTD (kurz für Conductivity, Temperature, Density) misst die physikalischen und chemischen Eigenschaften der Wassersäule: Salzgehalt, Temperatur, Dichte und weitere Parameter. Es zeichnet so eine Momentaufnahme der dynamischen ozeanischen Umgebung direkt unter dem Schiff.

Mit dem Schwerelot entnehmen wir Sedimentkerne aus den umliegenden Schlammvulkanen, teils bis zu zwölf Meter tief. Diese Proben geben Aufschluss über Gase, Porenwasser und Kornstrukturen: Archive geologischer und biologischer Prozesse, die Jahre Jahrhunderte umfassen. Der Multicorer ermöglicht die Entnahme von zwölf kürzeren Proben gleichzeitig, ideal zur Untersuchung der obersten, reaktivsten Schichten.

Etwas weniger bekannt und in den letzten Jahren wenig eingesetzt ist die Wärmelanze. Sie misst die Wärmeleitfähigkeit des Sediments und erlaubt Rückschlüsse auf den Wärmestrom aus dem Untergrund. Gerade an aktiven Schlammvulkanen spielt die Temperatur eine entscheidende Rolle, da sie die Bewegung von Gasen und Flüssigkeiten nachzeichnet.

Abbildung zeigt Das autonome Unterwasser-Fahrzeug MARUM-Seal. Foto: Anthea Oestreicher

Das autonome Unterwasser-Fahrzeug MARUM-Seal. Foto: Anthea Oestreicher

Und schließlich: das AUV MARUM-Seal, die leuchtend gelbe Unterwasserrobbe, die den Meeresboden hochauflösend kartiert. Es operiert völlig unabhängig vom Schiff und bewegt sich bei seinen Missionen in 60–80 Zentimetern Höhe über dem Boden. Ausgestattet mit verschiedenen Sensoren, liefert es detaillierte Daten über Struktur, Morphologie und Zusammensetzung der Sedimente.

Abbildung zeigt Blick auf das Mittelmeer. Foto: Anthea Oestreicher

Blick auf das Mittelmeer. Foto: Anthea Oestreicher

Abbildung zeigt Das autonome Unterwasser-Fahrzeug MARUM-Seal. Foto: Anthea Oestreicher

Das autonome Unterwasser-Fahrzeug MARUM-Seal. Foto: Anthea Oestreicher

All diese Systeme werden ab Samstag, dem 8. November, im Einsatz sein, wenn wir unser Arbeitsgebiet südlich von Kreta erreichen.

Wenn diese Zeilen online sind, haben wir bereits die Straße von Messina passiert. Während der Meeresboden unter uns nur noch etwa 250 Meter tief liegt, zog an den Fenstern das italienische Festland vorbei. Wie auch die Tage davor, ist bei solch einem Anblick die Stimmung an Bord gelöst; bei 22 Grad und Sonnenschein genießen alle den Blick auf die nahen Küsten.

Das Innehalten, während das Land in weniger als einer Meile Abstand vorbeizieht, ist einer der wichtigen Atempausen und Ausgleichsmomente denn das Leben an Bord funktioniert nur, wenn ebenso viel Wert auf Sorgfalt wie auf Stimmung gelegt wird. Im Serverraum laufen deshalb nicht nur wissenschaftliche Daten, sondern auch Filme und Hörbücher auf dem «Metflix» und an diesem Donnerstag, dem heiligen Tag der Woche der Seefahrenden, gibt es wie immer Eis zum Nachtisch In dieser Atmosphäre verbinden sich Technik und Alltag, Präzision und Traum.

Bis bald: herzliche Grüße von Bord,
Anthea

Text: Anthea Oestreicher