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Organischer Kohlenstoff im submarinen Schnellkochtopf

Forschende entschlüsseln unerwarteten Prozess für hohe Wasserstoffproduktion in Hydrothermalen Systemen

06.01.2026
Es schimmert und glitzert in der Tiefsee: An den überstehenden Flanschen der Hydrothermalquelle am Knipovich Rücken spiegeln die heiße Fluide durch Ihre optischen Eigenschaften das Licht. Die Aufnahme entstand während der Expedition MSM131 mit dem autonomen Tauchroboter ROV MARUM-QUEST 4000. Foto: MARUM – Zentrum für Marine Umweltwissenschaften der Universität Bremen
Es schimmert und glitzert in der Tiefsee: An den überstehenden Flanschen der Hydrothermalquelle am Knipovich Rücken spiegeln die heißen Fluide durch ihre optischen Eigenschaften das Licht. Die Aufnahme entstand während der Expedition MSM131 mit dem autonomen Tauchroboter ROV MARUM-QUEST 4000. Foto: MARUM – Zentrum für Marine Umweltwissenschaften der Universität Bremen

Woher kommt der Wasserstoff in der Tiefsee? Dieser Frage ging ein internationales Team unter Leitung der Universität Bremen nach und stieß auf einen eher unerwarteten Prozess, der unter den wenig erforschten Hydrothermalfeldern an extrem langsam spreizenden mittelozeanischen Rücken eine wichtige Rolle spielen könnte. Insbesondere dort, wo Flüssigkeiten durch Sedimente zirkulieren. Hierzu analysierten sie Proben aus dem Jøtul-Hydrothermalfeld vor Norwegen. Ihre Ergebnisse hat jetzt das Fachjournal Communications Earth & Environment veröffentlicht.

 

Kürzlich entdecktes Hydrothermalfeld vor Norwegen

Untersucht wurde hierzu das Jøtul-Hydrothermalfeld am Knipovich-Rücken, es liegt vor Spitzbergen im Europäischen Nordmeer und bildet die Nahtstelle zwischen Nordamerikanischer und Eurasischer Erdplatte. Entdeckt wurde es erst 2022 während einer MARUM-Expedition mit dem Forschungsschiff MARIA S. MERIAN. Das Besondere: Es liegt an der Flanke des Riftgraben eines ultralangsam spreizenden mittelozeanischen Rückens, die von Sedimenten des Kontinentalhanges überlagert wird. Das gesamte Gebiet ist von einer Vielzahl unterschiedlicher Quellaustritte und Schlote gekennzeichnet. Bei der damaligen Fahrt wurden bereits erste Proben von hydrothermalen Fluiden mit dem ferngesteuerten Tiefseeroboter MARUM-QUEST 4000 genommen. „Doch das Gas trat auf dem Weg an die Oberfläche aus, und konnte im Labor nicht mehr adäquat gemessen werden. Ähnlich wie wenn man eine unter Druck stehende Sprudelflasche öffnet. Das Gas sprudelt heraus“, erklärt Alexander Diehl. Um die einzelnen Bestandteile der hydrothermalen Fluide genauer zu untersuchen, kehrte das Forschungsteam 2024 mit gasdichten Untersuchungsbehältern zurück an den Knipovich Rücken.

Mehr als nur Serpentinisierung

Doch das Jøtul-Hydrothermalfeld bringt eine weitere Besonderheit mit sich: Es liegt weit tiefer als andere Sediment-beherbergende Hydrothermalquellen. „In 3.000 Metern Tiefe herrschen hohe Drücke, das macht einerseits das Beproben zu einer Herausforderung – anderseits beeinflusst das natürlich auch die dort ablaufenden geologischen und chemischen Prozesse“, so Prof. Dr. Gerhard Bohrmann, wissenschaftlicher Fahrtleiter der beiden MARUM-Expeditionen zum Jøtul-Hydrothermalfeld. Die Forschenden analysierten Hauptbestandteile, gelöste Gase sowie isotopische Zusammensetzungen und verwendeten thermodynamische Modellierungen, um zu untersuchen, wie die Flüssigkeiten mit den umgebenden Gesteinen reagieren. „Unsere Modellierungen zeigten, dass durch die hohen Drücke und Temperaturen im Untergrund der Hydrothermalquellen das organische Material im Sediment unter überkritischen Bedingungen zersetzt wird und so die Wasserstoffmoleküle freigesetzt werden“, erklärt Diehl, „wir konnten zeigen, dass Serpentinisierung nicht der einzige Grund ist, warum es zu erhöhten Wasserstoffkonzentrationen in der Tiefsee kommen kann. Diese Erkenntnisse erweitern unser Verständnis von sedimentbeherbergten Hydrothermalquellen und legen nahe, dass die Wechselwirkung zwischen Flüssigkeiten und Sedimenten eine wichtigere Quelle für gelösten Wasserstoff im Ozean ist, als bisher angenommen.“

Neuer Exzellenzcluster führt Forschung fort

Die Forschung fand im Rahmen des Exzellenzcluster „Der Ozeanboden – unerforschte Schnittstelle der Erde“ statt, und auch in der zweiten Förderphase des Exzellenzclusters, die zum Jahresbeginn 2026 startet, sollen weitere Schiffsexpeditionen zum Knipovich Rücken zurückkehren. „Schwerpunkt dieser Fahrten wird sein, die Zusammensetzung der Schlote und austretenden Fluide besser zu verstehen und mit anderen Hydrothermalen Quellen zu vergleichen“, ergänzt Prof. Dr. Wolfgang Bach, Wissenschaftler am MARUM – Zentrum für Marine Umweltwissenschaften und am Fachbereich Geowissenschaften der Universität Bremen.

Mehr Informationen:

Beteiligte Institutionen:

  • MARUM – Zentrum für Marine Umweltwissenschaften der Universität Bremen
  • Fachbereich Geowissenschaften der Universität Bremen
  • Constructor University, Bremen
  • Leibniz-Zentrum für Marine Tropenforschung (ZMT), Bremen
  • Durham University, Vereinigtes Königreich
  • The Arctic University of Norway, Tromsø, Norwegen
  • University of Bergen, Norwegen
  • Norwegian Offshore Directorate, Norwegen

Originalpublikation:

Alexander Diehl, Eirini Anagnostou, Patrick Monien, Thomas Pape, Eva-Maria Meckel, Miriam Römer, Leila Mezri, Wolfgang Bach, Donata Monien, Christian Hansen, Aaron Röhler, Katharina Streuff, Sabina Strmic Palinkas, Yann Marcon, Ines Barrenechea Angeles, Charlotte Kleint, Stig‑Morten Knutsen, Gerhard Bohrmann: High H2 production in sediment-hosted hydrothermal fluids at an ultraslow spreading mid-ocean ridge. Commun Earth Environ 7, 12 (2026). https://doi.org/10.1038/s43247-025-02962-2

Kontakt:

Dr. Alexander Diehl
Arbeitsgruppe Geophysik – Geodynamik
MARUM – Zentrum für Marine Umweltwissenschaften und Fachbereich Geowissenschaften, Universität Bremen
E-Mail: [Bitte aktivieren Sie Javascript]

Ulrike Prange
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
MARUM – Zentrum für Marine Umweltwissenschaften der Universität Bremen
Telefon: 0421 218 65540
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Temperaturmessung und Fluidbeprobung mit isobaren-gasdichten Probenschöpfern (IGT-sampler) im Jøtul Hydrothermalfeld während der Expedition MSM131. Hierbei kam der autonome Tauchroboter ROV MARUM-QUEST 4000 zum Einsatz. Foto: MARUM – Zentrum für Marine Umweltwissenschaften der Universität Bremen

Temperaturmessung und Fluidbeprobung mit isobaren-gasdichten Probenschöpfern (IGT-sampler) im Jøtul Hydrothermalfeld während der Expedition MSM131. Hierbei kam der autonome Tauchroboter ROV MARUM-QUEST 4000 zum Einsatz. Foto: MARUM – Zentrum für Marine Umweltwissenschaften der Universität Bremen

Das MARUM gewinnt grundlegende wissenschaftliche Erkenntnisse über die Rolle des Ozeans und des Meeresbodens im gesamten Erdsystem. Die Dynamik des Ozeans und des Meeresbodens prägen durch Wechselwirkungen von geologischen, physikalischen, biologischen und chemischen Prozessen maßgeblich das gesamte Erdsystem. Dadurch werden das Klima sowie der globale Kohlenstoffkreislauf beeinflusst und es entstehen einzigartige biologische Systeme. Das MARUM steht für grundlagenorientierte und ergebnisoffene Forschung in Verantwortung vor der Gesellschaft, zum Wohl der Meeresumwelt und im Sinne der Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen. Es veröffentlicht seine qualitätsgeprüften, wissenschaftlichen Daten und macht diese frei zugänglich. Das MARUM informiert die Öffentlichkeit über neue Erkenntnisse zur Meeresumwelt, und stellt im Dialog mit der Gesellschaft Handlungswissen bereit. Kooperationen des MARUM mit Unternehmen und Industriepartnern erfolgen unter Wahrung seines Ziels zum Schutz der Meeresumwelt.